Anekdoten 8

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Zwei Tage auf Forellenfang


(von Walter Lejeune – Frankfurt a. M.)


Der Städter begrüßt wohl nichts freudiger als eine Gelegenheit, die ihn mal hinwegführt aus dem Staube der Stadt, aus dem Lärm, dem Hasten und Jagen, hinaus in die schöne, freie Natur!

Und wenn diese Gelegenheit noch außerdem verbunden ist mit irgendeinem Vergnügen, sei es Jagd, Sport oder Fischerei, dann jauchzt das Herz, und vergessen sind alle großen und kleinen Sorgen.

So erging es mir eines Morgens – es war am 11. Mai -, als ich früh 6 Uhr geweckt wurde und mir die überraschende Aufforderung ward, zwei Tage mit auf den Forellenfang zu gehen.

Da ich schon vor 8 Uhr am Bahnhofe sein sollte, hieß es Eile und dies umso mehr, als meine Angelgeräte, speziell für Forellen, in höchst mangelhaftem Zustande waren, - doch hoffte ich, dass mein liebenswürdiger Wirt, Herr A. (der Name konnte bisher nicht vermittelt werden), ein Freund meines Vaters, mir im Notfalle aushelfen würde, - und so ist es auch thatsächlich gekommen. –

Pünktlich trafen wir uns am Bahnhofe und erreichten nach 2 1/2stündiger Fahrt die Endstation S. (Stockhausen), um von dort noch 1 ½ km bis zu einem dem Fürsten von B. (von Solms-Braunfels) gehörigen Seltersbrunnen (eigentlich „Gertrudisbrunnen“) zu marschieren.

Leider war das Wetter nicht allzu günstig, denn es fielen ab und zu kleine Regenschauer nieder, ja sogar Schneegestöber trat ein; waren doch die vom Landwirt mit Recht so gefürchteten strengen Herren Pankratius und Servatius (Anm.: die „Eisheiligen“, kalte Tage mitten im Mai) unmittelbar vor der Thür.

Während nun Herr A. bei dem Beamten des fürstlichen Brunnenhauses (Brunneninspektor und Verwalter Carl Schauß, bis 1902) seine gewohnte Unterkunft fand, quartierte ich mich in dem nahen Dorfe B. (Biskirchen) ein, doch nahmen wir unsere Mahlzeiten gemeinsam bei den sehr liebenswürdigen Bewohnern des – wie nebenstehende Ansicht zeigt – sehr schön und frei gelegenen „Brunnens“ (eigentlich „Born“) ein, wie er kurz genannt wird.





















Abbildung „Verwaltungsgebäude Gertrudisbrunnen“ vor 1900.


An diesem fließt der von Herrn A. gepachtete Forellenbach (das ist der „Ulmbach“) direkt vorüber, um sich etwa 2 km von da in den L...fluß (Anmerkung: der „Lahnfluss“) zu ergießen. Gegen 1 Uhr mittags waren wir endlich am Wasser, das zwar etwas hoch, indessen klar war und uns gute Beute in Aussicht stellte; ein von Herrn A. bestellter Försterssohn (ein Sohn des damals zuständigen Försters Wilhelm Löhmann) trug Fischkorb, Würmer, Reserve-Angeln, einen kleinen photographischen Apparat usw., erwies sich für allerhand kleine Dienstleistungen sehr geschickt und bekundete seinerseits das höchste Interesse.

Fast gleichzeitig und dicht bei einander zogen wir als Eröffnung je einen --- Weißfisch heraus; dann aber fing Herr A. an einer Stelle drei schöne, große Forellen, die sofort aufgeschnitten und jede für sich in Pergamentpapier gewickelt wurden. –

Das Wetter klärte sich inzwischen auf, und die schöne, bergige Gegend lag sonnenbeschienen in ihrem Frühjahrsschmuck vor uns.

Welches Ausruhen für Körper und Geist, an dem rauschenden Bache zu stehen, die frische, stärkende Luft zu atmen und sich zu erfreuen an der schönen Natur.

Langsam gingen wir den Bach entlang bis zur Mündung, jedoch ohne nennenswerte Erfolge; dafür wurden wir aber beim Zurückgehen durch einen herrlichen Blick auf das erhöht gelegene Dorf belohnt.

Wir versuchten nun unser Glück bachaufwärts vom „Brunnen“ und trafen hier auf schöne Forellen. Die erste, die ich fing, ein besonders großes Exemplar, überließ mir Herr A. als „Jagdbeute“, nachdem sie ein Erkennungszeichen erhalten. Leider verlor ich kurz darauf Haken und Vorschlag und musste Herr A. um etwas Vorrat anbetteln; hierbei wurde ich belehrt, dass sich, im Gegensatz zu meiner Angelweise auf Forellen – soweit der Wurm in Betracht kommt – ein Haken von 15-18 mm Breite (von der Spitze bis zum Schenkel gemessen) am besten empfiehlt.

„Je größer der Haken, je größer kann der Wurm sein und je größere Forellen werden gefangen“ sagte Herr A.  Ein großer Haken schien in der That geboten, da wir nur ganz große Regenwürmer benutzten und ich vorher Mühe hatte, diese an meinem kleinen Haken zu befestigen.

Nun ging es stetig weiter an Mühlen (Schlagmühle, Pitzmühle) usw. vorüber, wo wir viele, das Herz des kundigen Fischers entzückenden Stellen trafen und gute Beute machten.

Der Bach selbst ist selten breiter als 5-6 Meter, hat mühelos zu begehende Ufer und rasch fließendes Wasser. Da er eine der lieblichsten Gegenden Mitteldeutschlands durcheilt, bietet ein Ausflug dahin unzählige Naturgenüsse. Malerisch gelegene Dörfer wechseln ab mit weitausgedehnten Feldern, bewaldeten Höhen und Thälern, und in der Ferne sieht man die Berge, um die sich in weitem Bogen der L...fluß windet. –

Immer weiter gehend, fingen wir, öfter als uns lieb war, große Weißfische, und nicht selten kam es vor, dass die Forellen über und über mit Fischegeln (Piscicola, Pontobdella) besetzt waren;  diese Egeln, welche 2-3 cm lang sind, setzen sich mittels ihrer Saugnäpfe auf Kiemen und Haut der Fische fest, wodurch diesen viel Kraft entzogen wird und sie abmagern.

Je weiter wir bachaufwärts kamen, desto seltener traten diese Parasiten auf, und am zweiten Tage fanden wir sie gar nicht mehr. Es muß dies wohl mit der Wassertemperatur zusammenhängen, denn das kühlere Bergwasser scheinen sie zu meiden. Erst bei Einbruch der Nacht – etwa um 9 Uhr – hörten wir zu fischen auf und gingen die bequeme Chaussee nach dem „Brunnen“ zurück, wo uns ein köstliches Abendbrot erwartete. Es mundete uns vortrefflich, und Herr A. bereitete aus seinem eigenen Depot mit Rotwein, Sekt und Selterwasser (allgemein gebräuchlicher Begriff für Mineralwasser; Anm. d. Red.) vom „Brunnen“ ein herrliches, durstlöschendes Getränk, bei dem wir rauchend lange gemütlich zusammen saßen.

Plötzlich fiel uns ein, dass wir für den anderen Tag keine Würmer mehr hatten und so begaben wir uns aus Mangel einer Laterne mit einer Petroleumlampe ohne Schirm, die natürlich wiederholt ausging, in den Gemüsegarten und sammelten 40 große Würmer, die auf den Regen hin herausgekommen waren.

Am anderen Morgen wurde um 7 ½ Uhr bei bedecktem Himmel aufgebrochen und zwar fuhren wir diesmal mit einem offenen Einspänner zwei Stunden durch verschiedene Dörfer bachaufwärts.

Das Amt eines Rosselenkers übernahm ein Sohn des Brunnenpächters (vermutlich Ferdinand  Friedrich Schauß, Nachfolger seines Vaters als Brunnenverwalter), ein in Ferien anwesender junger Herr, in durchaus sachkundiger Weise. Unterwegs stieß, wie verabredet, unser wackerer Försterssohn zu uns, der schon seit 4 Uhr morgens mit Erfolg nach Würmern gegraben hatte.

Je höher wir aber kamen, desto schneidender wurde der Wind und ziemlich erstarrt begannen wir von der Grenze (wohl die ehemalige Kreisgrenze zwischen Holzhausen und Beilstein) abwärts zu fischen. Aber erst als die Sonne durchkam, erfolgten wieder Anbisse, doch wurde der Köder höchst vorsichtig genommen, so dass man oft vergeblich anhob, und die gespannte Erwartung getäuscht wurde.

Der Bach zog sich zuweilen direkt unter hohen Felspartien hin oder wand sich, einen entzückenden Anblick gewährend, um einen Abhang, der bis unten hin mit Bäumen und Gebüsch bestanden war, so dass die Aeste weit in den Bach hineinreichten.

Gerade an solchen Stellen aber gelang bei einigermaßen geschicktem Weitwurf oft ein glücklicher Fang; Weißfische trafen wir hier oben nicht mehr an.

Um die Mittagszeit erreichten wir eines der vorher passierten Dörfer und begaben uns, umringt von der Schuljugend – ins Wirtshaus, wo wir bei einer Flasche Wein unser mitgeführtes Frühstück mit trefflichstem Appetit zu uns nahmen  (Anmerkung: in damaliger Zeit war es üblich, sein Frühstück mit in die Gastwirtschaft zu nehmen, in diesem Falle in Holzhausen, Ulm oder in Allendorf).

Mit erneuten Kräften schickten wir uns dann an, die letzte Strecke abzufischen, um später, gegen 5 Uhr, den vorangesandten Wagen zu erreichen, der uns zum Brunnen zurückbrachte.

Liebenswürdigerweise hatte man uns dort noch ein völliges Mittagessen bereitet, dem wir die nötige Ehre anthaten; indessen mussten wir uns beeilen, da ein bestimmter Zug erreicht werden sollte.

Wir brachten deshalb unsere Sachen in Ordnung und verließen, mit dem Gefühl, die beiden Tage in jeder Weise genossen zu haben, die freundliche Gegend.

Von den 83 Forellen – die Weißfische nicht gerechnet – die wir gefangen hatten, wog keine weniger als ¼ Pfund, die meisten waren ½ Pfund, einige 1 Pfund und darüber schwer.

Ein Schnellzug brachte uns bald wieder nach Hause, und voll des Dankes für meinen gütigen Wirt, der mir noch einen beträchtlichen Teil der Beute großmütig überließ, schied ich von diesem mit den Worten, dass ich an der Erinnerung dieser beiden Tage gewiß lange zehren würde.


Anmerkung der Redaktion:

Dieses relativ bescheidene Erlebnis vom 11. und 12. Mai 1900 wurde in der bekannten Jagdzeitschrift „Wild und Hund“, III. Jahrgang (1900), Nr.36, Seite 564/565 publiziert. Der Autor nennt in seinem Beitrag wohl bewusst leine Örtlichkeiten, um z.B. keine „Schleichwerbung“ für ein damals in großen Teilen des Deutschen Reiches bekanntes Mineralbrunnenunternehmen zu machen. Auf den ersten Blick erkennt man auf der Abbildung das unverwechselbare Verwaltungs- und Wohngebäude des Unternehmens mit der „Schlagmühle“ im Hintergrund (rechts). Das markante Quellenhaus, das normalerweise hinter den Linden erkennbar sein müsste, wurde retuschiert, um den Ort des Naturerlebnisses unkenntlich zu machen. Diesen schönen Bericht stellte unser inzwischen verstorbenes HAK-Mitglied Hermann Schäufler für den Biskirchener Heimatkalender 2001 zur Verfügung. 

Den  über hundert Jahre alten Text, der während der Übergangsphase der vorletzten Rechtschreibreform entstand, stellen wir hier in der Originalschreibweise vor. Wir haben uns aber erlaubt, hinter den Abkürzungen und verschlüsselten Begriffen  die Originalschauplätze, Namen, soweit bekannt,  und sonstige Anmerkungen einzufügen.