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„Ein Opfer theils des Branntweins, theils der Roheit, Härte und Lieblosigkeit“

Der schicksalhafte Tod eines achtjährigen Jungen aus Stockhausen im Jahre 1809

(von Matthias Diehl)

Vor über 200 Jahren ereignete sich in unserer Heimat ein Unglücksfall, der überregional Aufsehen erregte. Obwohl das „Wetzlarische öffentliche Intelligenzblatt“ als lokales Medium der damaligen Zeit dieses Ereignis mit keinem einzigen Wort erwähnte, berichtete „eine der verbreitetsten moralisch-­‐politischen Zeitungen“ Deutschlands, die „National-­‐Zeitung der Deutschen“ vom 15. Juni 1809, über den Schicksalsschlag sehr ausführlich:

Herzogthum Nassau. Am Sonnabend vor Ostern, also am 1. April, trug sich im Kirchspiel Biskirchen, im herzoglich nassauischen Oberamte Greifenstein, folgender bemerkenswerther Unglücksfall zu: Der Schweinhirt aus dem Filialorte Stockhausen hatte mehrere Schweine, die ein Schweinhändler einige Tage zuvor eingehandelt hatte, nach Löhnberg, einem, eine Stunde von Biskirchen, im Amte Weilburg liegenden Orte, zu liefern. Mit Hülfe eines Knaben von 12 Jahren trieb er sie fort. Am Ausgang des Ortes (Stockhausen) gesellte sich noch ein Kind aus dem daselbst stehenden letzten Hause, ein Knabe von acht Jahren, zu ihnen und lief ohne Vorwissen seiner Eltern, ohne Kopfbedeckung und ohne gefrühstückt zu haben, in seinen gewöhnlichen dünnen leinenen Kleidern mit. Jene beyden wiesen ihn anfangs nicht zurück, dann als sie bald an Ort und Stelle waren, und er umkehren wollte, sprachen sie ihm zu, daß er bey ihnen bleiben sollte, indem sie nun nicht mehr weit hätten. Er folgte. Vor Löhnberg machte der Schweinhirt Halt, weil er noch mehrere Schweine als gekauft hatte, und diese erst, ehe er jene ablieferte, dem Schweinhändler verkaufen wollte. Er gieng also zu diesem Manne und ließ die Knaben bei den Schweinen stehen, um darauf Acht zu geben. Es dauerte lang bis alles zu Stande kam, und weil damals ein sehr durchdringender Ostwind wehete: So erkältete sich der jüngste Knabe so sehr, daß er ganz steif wurde. Verschiedene Leute kamen herbey; aber Niemand achtete auf ihn.


Die „Laneburg“ zu Löhnberg vor dem Brand am 5. September 1900. (Zeichnung: Prof. Ferdinand Luthmer, *1842, †1921)

Als er endlich die Kälte nicht länger aushalten konnte, gieng er in das Wirthshaus, wo die übrigen versammelt waren. Daselbst giebt man ihm, um ihn wieder zu erwärmen, Branntwein. Er trinkt, und theils aus Hunger, theils aus Unverstand, trinkt er für sich nachher noch mehr aus den dastehenden Gläsern. Bald darauf bekommt er Anwandlungen zu Erbrechen, und als man dieß sieht, läßt man ihn durch die, aus dem Kirchspiel Biskirchen anwesenden Buben, in die frische Luft bringen. Diese legen ihn vorerst vor das Haus auf ein Holz, wo er sich erbricht, dann bringen sie ihn vor den Ort, legen ihn wieder auf ein Holz und lassen ihn legen. Der Schweinhirt, mit dem er gelaufen war, sitzt indessen im Wirthshause und läßt sich den Braten wohlschmecken und Geld zählen. Erst nach mehreren Stunden erbarmen sich Einwohner von Löhnberg über dem unglücklichen Knaben, bringen ihn in ein Haus auf eine Streue und geben ihm Milch ein. Er erbricht sich mehrmahls, oder will sich vielmehr erbrechen, kann aber nichts hervorbringen, und bleibt in einer höchst hülfsbedürftigen Lage. Des Nachmittags spät, als der Hirte nach Hause gehen will, erkundigt er sich nach dem Jungen, spürt ihn aus , hebt ihn auf und kehrt nach dessen Heimath zurück. Weil er aber selbst von vielem Trinken ermüdet und der Junge schwer ist: so kann er ihn nicht lange tragen; er schleppt ihn daher mit Hülfe des anderen Knaben weiter, läßt ihn auch zuweilen eine Zeitlang liegen; doch kehrt er jedesmal wieder um und hohlt ihn. Leute aus Biskirchen, die hinter ihm herkommen, sind davon Augenzeugen, doch kümmern sie sich nicht weiter darum. So bringt er ihn endlich nach Biskirchen, thut ihn in ein Haus zu Verwandten, diese legen den halb todten Knaben in ein Bett, lassen seine Eltern herbeyrufen, und kaum sind letztere eine halbe Stunde da, so stirbt der Knabe unter den heftigsten Konvulsionen (= krampfhafte Zuckungen), ein Opfer theils des Branntweins, theils der Roheit, Härte und Lieblosigkeit.

Soweit die Berichterstattung im Originalwortlaut.



Blick in die Straße „Am Stockbach“, im Volksmund auch die „Säugass“ genannt. (Zeichnung: Heinz Neuhaus, * 1886 in Stockhausen, † 1962 in Neuwied; Heimatkalender des Kreises Wetzlar, 1958)


Die Familienverhältnisse des Branntweinopfers

Pfarrer Ludwig Jakob Wetz (*14.6.1777 in Obbornhofen/ Kreis Gießen, †8.12.1828 in Burgsolms), der zwischen 1807 und 1824 im Kirchspiel Biskirchen seelsorgerisch tätig war, vermerkte unter der laufenden Nummer 9 im Begräbnisregister:

Den 1ten Aprill gegen Abend starb dahier des Ludwig Walter von Stockhausen 2tes Söhnchen an Convulsion. Leute die Schweine nach Löhnberg lieferten nahmen es mit dahin, gaben ihm Brandewein, machten es betrunken und verursachten dadurch seinen schnellen Tod. Es wurde den 3ten eiusd. beerdigt und war alt beynah 8 Jahr.

Aufgrund dieser Angaben war es ein Leichtes, mit Hilfe von Herrn Herbert Schneider, der die mikroverfilmten Kirchenbücher der evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen verwaltet und dem ich an dieser Stelle ganz herzlich danke, die Familienverhältnisse des minderjährigen Branntweinopfers zu klären: Es handelt sich um den kleinen Henrich Christian Walter, der am 19. April 1801 als zweites Kind des Christian Ludwig Walter und dessen Ehefrau Maria Margaretha in Stockhausen geboren und eine Woche später getauft wurde. Als Pate wird „Johann Christian, des Henrich Walters ehel. Sohn aus Biskirchen“ genannt, in dessen Haus in Biskirchen der kleine Junge mit großer Wahrscheinlichkeit verstarb. Henrich Christians Eltern „mussten“ im Jahre 1797 heiraten, da der Erstgeborene Johann Christian (*14.4.1798, †18.3.1869) bereits „unterwegs“ war.
Dazu schrieb Pfarrer Johann Konrad Wetz (*1730, †26.6.1807), der zwischen 1779 und 1807 amtierte, ins Kirchenbuch:

Christian Ludwig Walter, des Peter Walters Sohn aus Bißkirchen und Maria Margarteha des zu Stockhausen verstorbenen Philipps Grombach hinterlaßene tochter, wurden d. 3 t. xbr (= Dezember) im Pfarrhauß copulirt, nachdem ihnen zugleich die Buße wegen beyder Vergehung vorher war abgenommen worden.

Zum Zeitpunkt der Eheschließung und der Geburt des ersten Kindes wohnte die Familie laut Kirchenbuchaufzeichnungen in Biskirchen, bevor sie in Stockhausen ihren Wohnsitz hatte. Soweit zu den Familienverhältnissen.

Quellenangaben und Anmerkungen:

  1. National-­‐Zeitung der Deutschen, 24stes Stück, den 15ten Junius 1809, S. 488 – 490, Hrsg. Beckersche Buchhandlung, Gotha/ Thüringen.

  2. Lülfing, Hans: Rudolf Zacharias Becker, Schriftsteller und Verlagsbuchhändler, *1752 Erfurt, †1822 Gotha , in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 721f. Onlinefassung unter                    www.deutsche-biografie.de

  3. Archiv der evangelischen Kirchengemeinde Biskirchen: Taufen, Eheschließungen, Begräbnisse. Recherche in den mikroverfilmten Kirchenbuchaufzeichnungen am 15.8.2011.

  4. Magistrat der Stadt Leun (Hrsg.), Die Geschichte des Kirchspiels Biskirchen, Bissenberg und Stockhausen, 1994.