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Goethes Lahntal - Wanderung 1772 –

Die Strecke von Leun nach Löhnberg

(von Heinrich Zutt, 1867 – 1944)

Goethe ist wohl einer der wunderbarsten Menschen, die je über unsere Erde gingen. Die Ausstrahlungen seiner Persönlichkeit zeigen sich auch in unserer engeren Heimat. Von Mai bis September 1772 weilte er in Wetzlar, um am Reichskammergericht seine juristischen Studien zu vollenden. Er verließ am 11. September früh 7 Uhr die Stadt und wanderte auf der rechten Lahnseite über Weilburg, Limburg, Diez nach Ems.

Der junge Dichter hatte, wie er in seiner Beschreibung „Aus meinem Leben“ (Buch 13) mitteilt, von Charlotte Buff „nicht ohne Schmerz“ Abschied genommen, sein Gepäck vorausgesandt und dann seine Wanderung „diesen schönen, durch seine Krümmungen lieblichen, in seinen Ufern so mannigfaltigen Fluss hinunter“ begonnen. „Sein Auge, geübt, die malerischen Schönheiten der Landschaft zu entdecken, schwelgte in Betrachtung der Nähen und Fernen, der bebuschten Felsen, der sonnigen Wipfel, der feuchten Gründe, der thronenden Schlösser und der aus der Ferne lockenden blauen Bergreihen“. – Aus der schönen Landschaft sog er Balsam für sein liebkrankes Herz.

Nach diesen allgemeinen Betrachtungen soll versucht werden, ein Bild von seiner Reise durch den südwestlichen Teil  unseres Heimatkreises zu entrollen. Denn Goethes Aufenthalt in Wetzlar und Umgebung ist wohl schon – besonders von dem verstorbenen und mit der Goethemedaille ausgezeichnete Professor Gloel – hinreichend beschrieben worden. Und 1932, als die großen Feiern zu Goethes hundertstem Todesjahr über die Erde rauschten, wurden die denkwürdigen Stätten (Jerusalem- und Lottehaus und Goethebrunnen) Wetzlars von unzähligen Goetheverehrern besucht.

Dass wenig oder gar keine Erinnerungen von Goethes Fußmarsch durch unser Heimatgebiet bei der Lahntalbevölkerung haften geblieben sind, hat wohl seinen Grund in ihrer Uninteressiertheit für alles Fremde und besonders für einen solchen erst 23 Jahre alten vermutlichen Scholaren mit Stock und Ränzel, von denen man in der damaligen verkehrsmittelarmen  Zeit ja viele auf der Landstraße antraf. Von einem Dichter Goethe hatten die Landbewohner noch nichts gehört; seine Erstlingswerke (Werther und Götz von Berlichingen) sind ja auch erst später erschienen.

Besuch der Glockengießerei Rinker in Leun.

Da die Lahn damals noch nicht reguliert und soweit noch von vielen Wasserarmen und Tümpeln begleitet war, führte die Talstraße durch die nicht allzuweit vom Flusse entfernt liegenden Ortschaften. Und so treffen wir zunächst auf Goethes Spuren in der Stadt Leun. Hier hatte Rinker seit 1759 eine Glockengießerei errichtet, welche von Goethe besichtigt wurde. Der junge Goethe zeigte ja, wie aus „Dichtung und Wahrheit“ hervorgeht, Lust zu ökonomischen und technischen Betrachtungen, und was er nicht erlernte, hat er nach seinen eigenen Angaben erwandert.

Weg nach Stockhausen.

Am 11. September herrschte schönes klares Wetter. Wie mögen die Augen des jungen Feuergeistes geleuchtet haben, als er unterhalb Leun die herrliche Landschaft erblickte, und wie mag er von dem Blick auf Schloss Braunfels entzückt gewesen sein, das man an einer Stelle des Weges nach Stockhausen zu aus dem bewaldeten linkslahnischen Höhenzuge hervorlugen sieht! Ja, er wusste, weshalb er seinen Weg an dem „lieblichen Flusse“ entlang nahm.

Am Stockbache angekommen, fesselte gewiss unseren jungen Wanderer der stattliche erst 30 Jahre vorher neu erbaute fürstliche Gutshof mit seiner Gastwirtschaft und Brauereibetrieb, dessen Pächter damals Johann Heinrich Simon war. Es mag wohl gerade 10 Uhr und somit Frühstückszeit gewesen sein. Sollte da nicht der vermeintliche Scholar – angezeigt durch das schöne Wirtshausschild mit dem Solmser Wappen und den appetitlichen Malzgeruch – hier Einkehr gehalten und gerastet haben? Wir wissen es nicht und haben darüber keine Überlieferung.

Weg nach und durch Biskirchen.

Auch die Talstrecke Stockhausen – Biskirchen mit ihren grünen Auen, dem versteckt liegenden Tiefenbach und den jetzt steiler werdenden schönen Taunusbergen hat wohl auch wohltuend auf das „liebkranke Herz“ des Wanderers gewirkt. –

Sein Fuß betritt das alte ehrwürdige Bischofskirchen, ein echtes Haufendorf mit engen Höfen und Gassen. Sein scharfer Blick wird sogleich erkannt haben, dass sich diese mittelalterlichen Häuschen nur um ihre Kultstätte, die Kirche, gruppieren können. Wenn er diese – was wohl anzunehmen ist – besichtigt hat, dann mag er über ihre wehrhafte Gestaltung und Erbauung in der Tiefe erstaunt gewesen sein und sich über die an sie lehnenden, über den Hügel hinauf reichenden ländlichen Gebäude gewundert haben, die sich hier wie Küchlein um die Henne scharen. 1772 führte die Dorfstraße noch über das „Gewölbe“. Sie war noch nicht nach heutiger Art befestigt und im unteren Teil gepflastert. Über den Ulmbach führte noch keine Steinbrücke, allenfalls eine Holzbrücke oder nur ein Fußsteg, und die Fuhrwerke sind wohl, wie dies heute noch oft geschieht, durch den Bach gefahren. Und über all diese Anlagen ist das größte Genie des 18. Und 19.Jahrhunderts geschritten.

Beim Überschreiten der Ulmbachbrücke wird Goethe auch in den Ulmgrund hinaufgeschaut und die Linde am Biskirchener Born gesehen haben. Es ist wohl möglich, dass er sich nach dem Zweck dieses einzeln stehenden Idyllenbaumes erkundigt hat, dann nach der Quelle gegangen ist und „Born“ getrunken hat. Vielleicht kannte er auch schon den Biskircher Sauerbrunnen von seinem Wetzlarer Mittagstische her, denn solcher wurde damals schon als Tafelwasser in die benachbarten Städte geliefert.

Weg nach Löhnberg.

Der Weg nach Löhnberg führt über das „Löhnche“, einen ins Lahntal vorspringenden Küppel, auf dem die Straße seither durch Einschnitte mehrmals gesenkt worden ist. Hinter diesem Küppel breitet sich das große Lahnbecken mit dem Wiesengrund Hundsbach aus. Eisenbahn, hochwasserfreie Straße und Brunnenhäuser, die heute den Blick beeinträchtigen, gab es damals noch nicht. Somit vermochten die Augen Goethes die ganze herrliche Landschaft zu überblicken: Hinter den bebuschten und zum Teil noch mit Weinreben bepflanzten Rändern des polygonartig gestalteten Beckens reiht sich fruchtbares Ackerland an, nur im „Winkel“ der Wald. In der Ferne zeichnen sich die charakteristischen Gebirgszüge des Westerwaldes und Taunus ab. Silbern glitzert das Band der Lahn, die sich im Westen durch den steilen Beckenrand eine Rinne gebohrt hat. Hier erhebt sich auf der rechtseitigen Bergnase die Ruine der um 1321 erbauten „Laneburg“, an die sich die Häuser des Fleckchens Löhnberg erschließen. Gegenüber auf der linken Lahnseite liegt das freundliche Dorf Selters. Beide Orte kann man als Wächter des Felsentores der Lahn ansehen.

Goethe überschreitet die alte Landesgrenze.

Goethe wird überrascht gewesen sein, als er im ersten Drittel des Wiesengrundes einen die Straße sperrenden Schlagbaum vorfand und ihn ein Zollbeamter (der letzte hieß Klausnitzer) nach zollpflichtigen Waren fragte. Hier war die Grenze zwischen den Fürstentümern Solms-Braunfels und Nassau-Weilburg. Bis Ems musste er noch mehrmals die Grenzen deutscher Kleinstaaten überschreiten. Wie aber würde heute unser Dichterfürst staunen, wenn er keine Grenzsperre, aber eine asphaltierte hochwasserfreie Straße, die Eisenbahn, die gebändigte schiffbare Lahn und die zahlreichen Brunnenhäuser im Lahnbecken vorfinden würde. Und wie würde er sich freuen, wenn er aus seinem „Hermann und Dorothea“ die Worte: „Alle waren geletzt und lobten das herrliche Wasser; säuerlich wars und erquicklich, gesund zu trinken den Menschen“ als Inschrift über der Eingangstüre des Brunnenhauses Broll lesen würde.

Goethe befragte das Flussorakel über seine Zukunft.

Schließlich sei noch des Orakels gedacht, das er in Buch 13 seiner Lebensbeschreibung erwähnt. Er schreibt da u.a.: „Ich wanderte auf dem rechten Ufer des Flusses, der in einiger Tiefe und Entfernung unter mir, von reichem Weidengebüsch verdeckt, im Sonnenlicht hingleitete. Zufällig hatte ich ein schönes Taschenmesser in der linken Hand, und in dem Augenblick trat aus dem tiefen Grund der Seele gleichsam befehlshaberisch hervor: ich sollte dies Messer ungesäumt in den Fluss schleudern. Sähe ich es hineinfallen, so würde mein künstlerischer Wunsch erfüllt werden; würde aber das Eintauchen des Messers durch die überhängenden Weidenbüsche verdeckt, so sollte ich Wunsch und Bemühung fahren lassen. So schnell als diese Grille in mir aufstieg, war sie auch ausgeführt… Aber auch hier musste ich die trügliche Zweideutigkeit der Orakel, über die man sich im Altertum so bitter beklagt, erfahren. Des  „Messers“  Eintauchen in den Fluss ward mir durch die letzten Weidenzweige verborgen, aber das dem Sturz entgegenwirkende Wasser sprang wie eine starke Fontäne in die Höhe und war mir sollkommen sichtbar. Ich legte diese Erscheinung nicht zu meinen Gunsten aus…“

Der junge Goethe schwankte damals zwischen dem Entschluss, Maler oder Dichter zu werden. Das Orakel sollte ihm Gewissheit geben. Da aber seine Zeichen zweideutig waren, ließ er seinen künstlerischen Wunsch fahren und wurde Dichter. Dieses Ereignis hat sich zwischen Biskirchen und Weilburg, vermutlich in der Nähe von Löhnberg, abgespielt.



 
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